Das Flugzeug landet langsam. Ein äußerst ungewöhnliches Gefühl. Was heißt eigentlich „fremd“? Es ist die Nichtzugehörigkeit. „Fremd“ bedeutet in diesem Sinne: nicht eigen. So wie jetzt. Diese Stadt. Nein, ich kenne sie nicht. Obwohl ich die Straßen, die Ecken, die Trottoirs erkenne. Nicht nur die Zeit. Nicht nur die Veränderungen, die sich seit damals vollzogen haben.
Damals habe ich sie mit einem schnellen, oberflächlichen Blick gewürdigt. Ihre raue Oberfläche mit überraschten Fingerspitzen ertastet. Ihre graue Landschaft schnell überflogen. Verdeckt, verhüllt, in Schwarz-Weiß habe ich sie in Erinnerung. Mit Rauheit und Härte hatte sie mich begrüßt – und sofort abgestoßen. Es war die Zeit, in der Coolness gerade „in“ wurde. Aber nein – es war nicht cool. Es war die Einsamkeit der Großstadt. Ein Gefühl, das ich noch heute leicht in Erinnerung rufen kann. Heute, während ich auf ihren Trottoirs spaziere und mein Blick unbemerkt die Straßenlandschaft streichelt, enthüllt sie mir trotzdem ihre Reize. Heute glänzt sie vor mir – glatt, lächelnd, voller Vergnügungen einer typischen Großstadt, wie ich sie inzwischen von anderswo kenne. Heute ist sie – wenn man es so vergleichen darf – wie die prächtigen Angebote von links und rechts, die man trotzdem alle abschlagen muss. Die man – um in Frieden mit dem eigenen Geist zu bleiben – auf jeden Fall abschlagen sollte.
„Vielleicht aber doch?“ schreit mir das nächste Plakat ins Gesicht. Was heißt „vielleicht“?
Ist es nicht das „Viel-Leichte“, was mich schon damals, beim ersten Treffen, ohne dass ich auch nur die leiseste Ahnung davon hatte, so empört hat? Die allzu große Leichtigkeit des allzu Direkten. Solche etymologisch-philosophischen Gedanken beschäftigen meinen Geist, während ich durch die Altstadt schlendere – wo das Wahr-Scheinliche mit dem Viel-Leichten in schattigen Gassen flirtet und seinen ganzen Charme und Schein spielen lässt. Wo das Viel-Leichte der Großstadt den Blick vernebelt. Wo die Wahrscheinlichkeit des Viel-Leichten bei etwa 80 % liegt. Und der Schein des Wahren eben nur ein Schein ist. Und wo der Sinn für das Wahrhafte, vom Dominanten verdrängt, allmählich schwindet. Und wenn dasjenige schwindet, an dem die Wahrheit gehaftet hatte – gibt es dann den Rest überhaupt noch? Schwindet dessen Existenz nicht wie Rauch, der sich in der Luft auflöst?
Deswegen ist das Wahrhafte wichtig. Und deswegen darf der Sinn dafür nicht verkommen.
Deswegen müssen die luxuriösen Angebote, mit ihren verführerischen Reizen und üppiger Bequemlichkeit, abgeschlagen werden – wenn sie der eigenen Identität widersprechen, wenn sich die eigene Essenz dabei verliert.
Denn das Herz gewöhnt sich allzu leicht daran. An das Allzuleichte, das alles um sich verschlingt. Deswegen der ewige Kampf des menschlichen Herzens um das Wahre. Deswegen wünsche ich mir Mut beim nächsten Absagen. Mut, „das schöne Märchen, das nicht meins ist“, abzulehnen. Denn mein Weg ist nicht der der Vielen-Leichtigkeit. Und nur als solchen kann ich ihn lieben. Nur als solchen kann ich ihn als meinen annehmen. Nur dann ist er mir – letztlich – nicht fremd. Sonst bleibt er schön, ist aber eben nur – ein Schein.