Eine Strafe, sagen Sie? Also wirklich – müssen wir so kleinlich sein? Immerhin, gut, dass Sie es sagen. Ich hätte es sicher verpasst. Und noch dazu völlig unwissentlich. Schon wieder versucht mich die Welt mit ihren Regeln in ihre Einflusssphäre einzuholen… Eine Welt, der meine Unbetroffenheit zunehmend unverständlich erscheint. Eine Welt, die auch mir mit ihrer praktischen Äußerlichkeit allzu oft zur Last wird.
Der Himmel wird gerade etwas heller. Vor wenigen Minuten war seine weite Fläche, die ich von meinem Fenster aus ganz oben betrachte, noch in vollkommene Dunkelheit getaucht. Die Dämmerung trägt etwas Unbestimmtes, Diffuses in sich. Solange die Rollos noch halboffen sind, herrscht hier im Zimmer Nacht. Dünn wie ein Hauch sind die Sonnenstrahlen, die zwischen den Klüften der schweren Jalousien in den Raum eintauchen. Weich zerstreuen sich die Schatten in der flüchtenden Dunkelheit des Zimmers – wie die Schwere der Lider, die im frühen Morgengrauen nicht ganz aufgehen wollen, die noch kurz ihre Stille, ihre Abwesenheit ungestört genießen möchten. Die noch nicht bereit sind, den heiligen Raum jenes Moments zu verlassen. Die Bewegung des nach oben gezogenen Metalls bringt ein undeutliches, lautes Geräusch hervor. Draußen wartet die Welt. Die Welt, zu der man zurück muss, bevor der Tag anbricht und die ersten Menschen auf den Straßen erscheinen. Noch ein paar letzte Minuten… Wie schön, den Tag in völliger Stille zu beginnen.
Etwas Heilsames, Sakrales, Unberührtes – ja, geradezu Heiliges – wohnt dieser Zeit inne. Heil soll man aufbrechen. Eingetaucht, umhüllt in jene unsichtbare Stille, die einen doch sehr deutlich ummantelt, vor äußeren Einflüssen schützt, vor dem Lärm dieser Welt versteckt hält – jene Stille, die man über den Tag hinweg in den Tiefen des eigenen Seins zu bewahren versucht. In der man das leise Summen, das uns begleitet, wahrnimmt. In deren Präsenz verweilen kann. In der das Herz fähig ist, die eigenen Regungen aufzunehmen, wach zu bleiben. Die tiefen Töne der Uhr durchbrechen die Ruhe des Raumes. Es ist Zeit.
Draußen wartet sie ja – die Welt, für die man Kräfte finden muss. Aber auch die Welt, die sich einem in immer neuen Schattierungen zeigt. Die Welt, die es zu entdecken, zu erkunden, zu gestalten gilt. Die Welt, die einen prüft, herausfordert, provoziert. Die einen an die Wand drückt, in die Enge treibt – bis alle Masken am Boden sind, bis man vollkommen nackt in der eigenen Wahrheit dasteht. Bis man zu dem wird, wofür man geboren wurde. Eine Welt, deren Teil auch ich bin – ob ich will oder nicht. Den Mantel – den Mantel nicht vergessen, bevor man hinausgeht. Sei mir ein würdiger Gegner, Welt, die du mich schon herbeirufst. Möge auch ich dir ein würdiger Gegner sein.