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Klosterzeit
„Der bevorzugte Ort deines Rückzugs ist deine Zelle“, heißt es im Willkommensbüchlein. In meiner Zelle steht eine Ikone auf dem Tisch: auf einem dicken Holzstück gemalte Figuren des Erzengels und Marias. Die Verkündigung. Die fast fünf Zentimeter dicke, mit Gold bedeckte Oberfläche strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Das Zimmer ist schlicht, aber vollkommen ausreichend. Die Kreuzikone auf dem Fensterbrett, auf einem kleinen Brikett. Davor ein Gebetsteppich und eine Kniebank. Ein Tisch. Ein Bett. So könnte ich leben. Ja, das kann ich mir gut vorstellen.
Es ist mein erster Tag im Kloster. Ich entdecke die Kraft der Stille. Das stille Zusammensein beim Essen. Ungewohnt, fast fremd, lausche ich dem leisen Klirren des Bestecks und beobachte die Menschen um mich herum. Hier sitze ich unter Menschen, die – wie ich – das Schweigen gewählt haben. Zumindest für jetzt.
Einsamkeit als Gabe, als Gnade, als Segen. Eine Distanz, die nicht trennt, sondern verbindet. Betrachtet man den Anderen aus der Entfernung, sieht man ihn wirklich: als ein eigenes, anderes Wesen. Ein Abstand, der die Wahrheit der Begegnung erst möglich macht.
Draußen hinter dem Fenster rauscht eine große Durchfahrtsstraße. Und hier drinnen – die absolute, fast hörbare Stille. Manchmal fällt es mir schwer, mich an sie zu gewöhnen. Nur langsam kann ich sie in mich aufnehmen. Die Gedanken laufen weiter, die inneren Bilder, die Stimmen… Und dennoch hat die Stille etwas zutiefst Faszinierendes, Beruhigendes, Heilendes. Sie nährt, sie stillt. Und ich weiß genau, wie dringend ich sie brauche. Wie unabdingbar sie für mich ist. Wie oft ich an diese Quelle der Ruhe, des Friedens, der Erfüllung zurückkehren muss, um einfach leben zu können – um ganz zu sein.
Und noch etwas lehrt diese Stille: Würde. Respekt – nicht nur gegenüber der Welt, sondern auch gegenüber sich selbst. Die Gedanken, die in einem entstehen und oft ins Wirrwarr treiben, liebevoll aufzunehmen. Auch sie. Kommen lassen. Gehen lassen. Und ihnen zulächeln.
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