Meditative Lyrik – Übersetzungsprojekt (Fragmente)


Annunziata

Vormittag war es.
Ein sizilianisches Mädchen traf ich:
Mutter Gottes.

In einem azurnen Tuch
auf dem Kopf
stand sie da.
Ihr gedankenverlorener Blick
hat die Schwelle des Geheimnisses
noch nicht überschritten,
aber auf dem Pult
liegt schon
das geöffnete Buch.

Es zittert die Seite,
vom unsichtbaren Winde
bewegt.
Mit der linken Hand
hält sie
den steifen Rand des Tuches.
Die Rechte –
leicht nach oben gerichtet.


„Wie soll es geschehen,
denn ich erkenne nicht
den Mann?“
fragen die Finger.

Stille.
Was ist das für ein Buch?
Weiß ich nicht.
Und wo der Erzengel?
Heiligenschein?
Gibt es nicht.
Die Verkündung … ist es also?
Ist das die… Jungfrau?

Vormittag war es.
Ein sizilianisches Mädchen traf ich:
Mutter Gottes.


Entschlafung Madonnas– Chiesa della
Martorana, Palermo


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Der Herr
steht über deinem Bett,
Madonna.
Sanft, still und tief
liegst du –
ein Fluss,
im Heiligenschein gekleidet,
an der Mündung.
Deine Seele,
im Tuch gehüllt,
eng wie ein Säugling gebunden,
hält Er.
Alte Christen weinen.
Es weinen die ersten Bischöfe.
Gebeugte Frauen
wischen ihre Tränen
mit Tüchern.
Nur der Himmel klatscht freudig.
Er weiß:
Es ist dein Geburtstag
auf den erhobenen Händen
Gottes.

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